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Editorial Ausgabe Nr. 337

Liebe Abonnenten,

vor einigen Wochen schimpfte ich heftigst über das fehlgeleitete Feuilleton, das keine intellektuelle Basis für die Probleme der heutigen Zeit zu bieten hat. Das hat sich seit letzter Woche mit einem Artikel von Peter Sloterdijk in der FAZ schlagartig geändert. Sloterdijk verfasst die erste gesellschaftliche Problemanalyse seit Ewigkeiten, die den Nagel auf den Kopf trifft. Er erkennt unser Wirtschaftssystem als Semi-Sozialismus und wundert sich, dass die Bürger die Schröpfungen des Steuerstaates einfach so über sich ergehen lassen. Ich zitiere aus dem Werk:

"Zusammen mit einer bunten Liste an Schöpfungen und Schröpfungen, die überwiegend den Konsum betreffen, ergibt das einen phänomenalen Befund: Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen. Dies ist ein politisches Dressurergebnis, das jeden Finanzminister des Absolutismus vor Neid hätte erblassen lassen....

Um das Phänomen der heutigen Steuerduldsamkeit bei den Wohlhabenden zu würdigen, sollte man vielleicht daran erinnern, dass Queen Victoria bei der erstmaligen Erhebung einer Einkommensteuer in England in Höhe von fünf Prozent sich darüber Gedanken machte, ob man hiermit nicht die Grenze des Zumutbaren überschritten habe. Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuer-budgets bestreitet...

Angesichts der bezeichneten Verhältnisse ist leicht zu erkennen, warum die Frage, ob der "Kapitalismus" noch eine Zukunft habe, falsch gestellt ist. Wir leben gegenwärtig ja keineswegs "im Kapitalismus" - wie eine so gedankenlose wie hysterische Rhetorik neuerdings wieder suggeriert -, sondern in einer Ordnung der Dinge, die man cum grano salis als einen massenmedial animierten, steuerstaatlich zugreifenden Semi-Sozialismus auf eigentumswirtschaftlicher Grundlage definieren muss.”

Ich hoffe, dass dieser Artikel in der FAZ endlich eine neue Debatte einleitet. Die These lautet: Uns geht es jedes Jahr schlechter, weil wir uns stetig der Gesellschaftsform des Sozialismus nähern.

Viele Grüße
Simon Betschinger
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