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Editorial Ausgabe Nr. 341

Liebe Leser,

in den letzten zwei Jahrzehnten war die Inflation ein Gespenst. Man fürchtete sich vor ihr, aber es gab sie nicht. Und auch heutzutage scheint es ausgemachte Sache, wenn man dem Presseecho glauben darf, dass uns eine starke Preisteuerung bevorsteht. In der Tat sind wir Zeitzeugen eines äußerst spannenden Experiments der amerikanischen Notebank. Von der Preisentwicklung in den nächsten beiden Jahren hängt sehr viel unseres Wohlstandes ab. Ich möchte das mit einem einfachen Beispiel konkretisieren:

Stellen Sie sich vor, der Hubschrauber von Ben fliegt über das Land und wirft Dollarscheine ab und zwar so gezielt, dass jeder Bürger 30% mehr Vermögen in der Tasche hat. Was wäre zu erwarten? Natürlich, dass sich das Preisniveau um 30% erhöht und jeder Bürger sich genau die gleiche Menge an Waren und Dienstleistungen kaufen kann wie vor dem Geldabwurf. Wenn nun allerdings die Preise unverändert blieben, dann könnte jeder Bürger plötzlich deutlich mehr konsumieren. Das Wirtschaftswachstum würde in die Höhe springen, weil die gesamte volkswirtschaftliche Nachfrage empor schnellt.

Letzteres scheint sich gerade abzuspielen. Die Notenbank druckt Geld und senkt die Zinsen. Doch eine Preissteigerung stellt sich aufgrund des starken Konkurrenzdrucks in der Realwirtschaft nicht ein. Geld hat seine Neutralität verloren. Durch Gelddrucken wird derzeit die Wirtschaft angekurbelt. Dieser Effekt kann wirklich nur dann eintreten wenn die Preise kurzfristig rigide sind. Momentan sind sie es und jeder weitere Monat, indem sie es bleiben, wird die Wirtschaft stimuliert, weil das Geld, das von der Notenbank gedruckt wurde, in den realen Wirtschaftskreislauf fließt.

Das funktioniert zum Beispiel so: Die Zentralbank kauft Staatsanleihen. Der Verkäufer sitzt dann auf einem Berg voller Bargeld und überlegt sich was er damit anfangen soll. Momentan spielt sich bei Unternehmensanleihen ein regelrechter Boom ab, weil ihre Verzinsung deutlich höher ist als die von Staatsanleihen. Der oben erwähnte Staatsanleihen-Verkäufer kann mit seinem Geld zum Beispiel neue Unternehmensanleihen zeichnen. Wenn das Geld schließlich beim Unternehmen angekommen ist, fließt es früher oder später in den Wirtschaftskreislauf.

Viele Grüße
Simon Betschinger
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