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Editorial Ausgabe Nr. 348

Liebe Leser,

blicken Sie von weit oben mit Ihrem imaginären Auge auf die Industrienationen dieser Erde herab. Sie werden unzählige Fabriken, Straßen und Häuser sehen und vor allem Menschen, die ihrer Arbeit nachgehen und ihr Einkommen verbessern wollen. Bei Siemens werden Sie Wissenschaftler beobachten können, die an den intelligenten Stromnetzen der Zukunft arbeiten, bei BMW stoßen die Mitarbeiter der Forschungsabteilung gerade auf den Erfolg an, eine Limousine mit unter fünf Litern Spritverbrauch entwickelt zu haben und bei Centrotherm arbeiten die Ingenieure an neuen Maschinen, die Solarzellen mit höheren Wirkungs-graden produzieren können. Sie werden dies alles beobachten und sich fragen:

Wo tauchen in diesem Bild Begriffe wie Staatsverschuldung, Inflationsgefahr und Bankenkrise auf? Erst dann wenn Sie die Wirtschaftspresse aufschlagen, werden Sie mit diesen Begriffen konfrontiert. Der Pessimismus und die Zukunftsängste der Menschen sind größtenteils darauf begründet, dass ständig mit makroökonomischen Variablen umher geworfen wird, die eigentlich keine Bedeutung dafür haben, ob Wirtschafts-wachstum stattfindet oder nicht. Staatsverschuldung und Inflation können die Wirtschaft nicht vom Wachsen abhalten, solange - und das ist der wichtige Punkt - die Menschen in der Ausübung ihrer Tätigkeiten nicht vom Staat gehindert werden.

Die wichtigste menschliche Tätigkeit - aus wirtschaftlicher Sicht - ist die Unternehmerfunktion. Nur durch die Einführung neuer Produkte und Dienstleistungen in den Wirtschaftskreislauf entsteht mehr Beschäftigung. Weil diese Unternehmerfunktion vom deutschen Staat an allen Ecken und Enden behindert wird, stagniert die Binnenwirtschaft und unsere einzigen Wachstums-märkte sind im Export zu suchen. Das wird noch ein Jahrzehnt gut gehen, solange China und Indien eine jährlich steigende Nachfrage nach Importen vorweisen. Dann allerdings steht die Gesellschaft vor der Wahl, entweder einen sozialistischen Umverteilungsstaat samt kollabierendem Staatsaushalt zu wählen oder die Unternehmerfunktion zu stärken. Ich bin mir nicht sicher, ob sich die demokratische Mehrheit der Gesellschaft für das Unternehmertum entscheiden wird. Viele würden lieber in Armut und Gleichheit sterben als einen liberalen Staat zu akzeptieren.

Viele Grüße
Simon Betschinger
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